Foto: Ines Makuza

Meine Reise nach Ruanda 2014

Die Zeit in Ruanda war großartig, überwältigend, traurig, spannend und wunderschön. Es fällt mir sehr schwer mal eben kurz zu beschreiben, was ich in den letzten drei Monaten erlebt habe. Von Ruanda lernen war mein eigenes Ziel. Mit zurück nach Deutschland habe ich einen Rucksack voll Erfahrungen gebracht, die es mir ermöglichen, das Land Ruanda und seine Bewohner nun besser zu kennen.

Vor 20 Jahren erlebte Ruanda den schrecklichen Genozid. Sehr viel hat sich seither verändert, sehr viel wurde aufgearbeitet, Ruanda ist eines der sich am schnellsten entwickelnden Länder Afrikas. Ziel des Projektes von „Mach dir ein Bild“ war es, neue Bilder zu schaffen, welche die Sicht auf Ruanda verändern. Dies stellte für mich in den gesamten drei Monaten eine große Herausforderung dar. Wie lernt man ein Land kennen, das durch sein Erlebtes sehr in sich gekehrt ist, wie schafft man einen Zugang zu den Menschen, die alle ihre eigenen schrecklichen Geschichten mit sich tragen? Wie wird man Teil einer Gesellschaft, die nicht vergessen kann und will? Wie lernt man eine Kultur kennen, die der eigenen so fremd ist?

In den ersten Tagen nach meiner Ankunft schaute ich mir das Land an und war fasziniert von seiner unglaublichen Schönheit. Grüne Hügel, Wälder und Seen. Menschen, die emsig daran arbeiten, ihr eigenes Land zu gestalten, um nach außen mit aller Kraft zu zeigen, wie sich dieses Land so wunderbar entwickelt hat.
Geprägt hat mich die Schönheit des Landes, aber auch die allgegenwärtige Paranoia, die in den Köpfen der Ruander festsitzt. In vielen Gesprächen mit Künstlern kristallisierte sich der dringende Wunsch heraus, mittels der Kunst frei denken und handeln zu dürfen. Doch einzig und allein das große Thema der Aufarbeitung des Genozids und der Vergebung der beiden Volksgruppen Hutu und Tutsi erlangen Aufmerksamkeit außerhalb des Landes. Programme und Projekte zur Versöhnung untereinander liegen hoch im Kurs. Diese Themen werden aber oft von außen an die Ruander herangetragen. Viele westliche Religionsgruppen haben sich nach 1994 in Ruanda niedergelassen, um genau diese Thematik immer wieder aufs Neue zu fokussieren.

Der dringende Wunsch der Ruander, ist meiner Meinung nach, nicht immer auf den Genozid und auf das 'Danach' reduziert zu werden. Sich zu versöhnen ist wahrscheinlich ein guter Weg, doch niemand kann, meiner Meinung nach, einen Menschen dazu zwingen, zu verzeihen. Und wenn ein Mensch nicht verzeihen kann, macht es diesen nicht zu einem schlechten Menschen. Der Ruander ist nicht nur ein Opfer oder ein Täter, der Ruander ist ein Mensch mit all den Bedürfnissen, Wünschen, Hoffnungen und Träumen, die wir alle haben.

Ich habe großartige Menschen kennenlernen dürfen, ich habe von 120 Kindern über 30.000 neue Bilder bekommen, ich habe persönlichen Geschichten und Schicksalen lauschen dürfen, habe mit den Menschen gemeinsam getanzt, gelacht, geweint und habe miterleben dürfen, wie Kreativität durch Gemeinsamkeiten, durch Vertrauen und freies Denken, alles zum Leuchten bringen kann.

Doch auch jetzt beim Schreiben fällt es mir schwer, mein wirklich Erlebtes zu beschreiben. Zu beschreiben, wie es den Menschen in Ruanda wirklich geht und was sie sich wünschen. Die Sicht auf Ruanda hat sich in den meisten Köpfen seit 20 Jahre nicht verändert. Aus Ruanda kommt kaum einer aus eigener Kraft raus. An einer Hand kann man Künstler abzählen, die es mit ihrer künstlerischen Arbeit raus aus Ruanda geschafft haben. Kinder hier in Deutschland denken in Ruanda ist immer noch Krieg und Kinder in Ruanda denken immer noch, dass wir die weißen Götter sind. Wie also ein Bild verändern, das so festgefahren ist? Wie ein Bild verändern, wenn man das Gefühl hat, dass kaum jemand aus der westlichen Welt Interesse daran hat?

Ruanda ist der Sündenbock für fast alles, was in Ost-Afrika schief läuft, Ruanda kommt von seinem Image nicht los und an uns heftet das Image des weißen Gottes. Wer und was muss sich also verändern, damit wir unser Bild verändern, damit wir gemeinsam etwas schaffen können, damit wir voneinander lernen können, ohne an den Stereotypen heften zu bleiben? Und genau diese Thematik hat mich in den letzten drei Monaten an den Rand der Verzweiflung gebracht. Solange westliche Menschen nach Ruanda reisen, in Safari-Autos durch die Dörfer fahren und Haribos und Reis verteilen, wenn weiße Menschen nicht aufhören, Gott zu spielen, werden die nächsten ruandischen Generationen ihren Kindern weiter erzählen, dass man versuchen muss, den weißen Menschen so oft wie möglich anzufassen, um selbst weiß zu werden.
Wenn wir nicht aufhören, immer gut sein zu wollen, immer helfen zu wollen, immer besser sein zu wollen, wird sich aus meiner Sicht nichts verändern.


Muzungu    

(Sprache: Suaheli, Bezeichnug einer weißen Person)

The God of Africa is the white Man, because he changed everything.

He changed our religion, changed our life, changed our food, he build schools, so we always try to make this God happy.

But this God don’t like us, because we cannot make it right for him.

I can promise you, that before the Muzungu came, we had our own God, we had our own way of life.

Now we don’t now how we have to be, to make it right.

(K.Castello, Rwanda 2014)

Foto: Kazungu Daniel

Es gibt so viel Großartiges in Ruanda zu entdecken, es gibt tolle Filmemacher, Musiker, Tänzer. Es gibt so viele Kinder mit unglaublich kreativem Potential. Ich wünsche mir, dass Ruanda das erkennt und seine Kinder fördert und ich wünsche mir, dass die westliche Welt ihre Sicht auf Rwanda verändert und bereit ist, von den Menschen aus Ruanda zu lernen.

Ich denke, dass wir in der westlichen Welt mit unserer Kreativität immer wieder an unsere Grenzen kommen. Oft erlebe ich Künstler hier haltlos, überfordert, ruhelos, überreizt, muselos, leer. Und meiner Meinung nach, liegt dies nicht an den Künstlern selbst, denn wunderbare Künstler hat Deutschland genug, sondern an der Art und Weise, wie die Kulturwirtschaft, die Kulturpolitik hier zulande mit Künstlern umgeht. Ein Publikum befriedigen steht hoch im Kurs. Kunst wird viel zu oft zum leicht genießbaren Feierabendprogramm. Ich finde dass gute Kunst dadurch oft nicht ausreichend gefördert wird.

Ich wünsche mir einen Raum, in dem wir uns gemeinsam begegnen, in dem es wieder eine Muse gibt, in dem wir frei denken, frei handeln und frei leben können, um voneinander zu lernen.
Immer wieder höre ich „Die Afrikaner können doch nicht ohne uns“, können wir denn ohne die Afrikaner?

Natürlich hat sich in Deutschland in den letzten Jahren in Hinblick auf die afrikanische Kultur viel getan. Afrikanische Film-und Theaterfestivals sind im kulturellen Jahresprogramm in jeder großen Stadt zu finden. Das ist gut. Doch habe ich auch das Gefühl, dass die Kunst aus Afrika leider viel zu oft dazu genutzt wird, um zu verdecken, dass es mittlerweile ein großes, wirtschaftliches Interessen an dem Kontinent Afrika gibt. Afrikanische Kultur nach Deutschland bringen ist gut, aber nicht um wirtschaftliche Interessen zu verfolgen. Und die Kunst aus Afrika sollte uns bereichern, aber nicht den deutschen Künstlern Platz nehmen, das macht den Abstand untereinander nur wieder größer. Das sollte unbedingt vermieden werden, um einen langfristigen Austausch möglich zu machen.

Ich wünsche mir, dass wir im künstlerischen Schaffen ehrlich miteinander umgehen.
Natürlich kann man die Kunst, die Wirtschaft und die Politik miteinander verbinden, doch sollten Abhängigkeiten vermieden werden. Künstler beider Seiten sollten sich auf Augenhöhe begegnen können. Dazu gehört eine gute, gleichberechtigte Förderung und das Interesse daran, Kunst und Kultur frei von wirtschaftlichen Interessen als mögliches, wichtiges kulturelles Erbe für zukünftige Generationen zu begreifen.


Marie Köhler, November 2014