Ich habe die Magie der Fotografie unterschätzt

Tag 5 02.02.2013

Rosine

Am dritten Tag meines Aufenthaltes kam Rosine, ein 18 Jähriges Mädchen, vorbei um mir Hallo zu sagen. Tags darauf brachte sie dann zwei Freundinnen mit. Ich gab ihnen eine kleine Digitalkamera mit und bat sie, die Dinge zu fotografieren, die ihnen wichtig sind. Nach zwei Stunden tauchten sie wieder auf und hatten bereits viele sehr spannende Fotos gemacht.

Am nächsten Tag dann klopfte es bereits um 7:20 Uhr an meiner Tür. Mit dem Blick zur Uhr entschied ich, dass das nichts Wichtiges sein könne, drehte mich im Bett um und schloss meine Augen. Wenig später dann klopfte es an meinem Fenster. Es musste also doch etwas wirklich wichtiges sein. Ich stand auf und rannte zur Tür. Dort stand nun erneut Rosine und sagte immer wieder: „Foto, Foto...“ Noch im Halbschlaf gab ich ihr etwas zerknirscht zu verstehen, dass ich noch einen Moment schlafen wolle. Als ich die Tür gerade schließen wollte, griff sie meinen Arm und rief:“Foto s'il vous plaît.“  Es schien für sie in diesem Moment nichts Dringlicheres zu geben, als meinen Fotoapparat zu bekommen. Mir fiel auf, dass sie sich offenbar zurecht gemacht hatte, ihre Frisur sah nach einer Menge Arbeit aus. Ich ging also zu meinem Schreibtisch gab ihr meine Kamera, verbunden mit der Bitte, diese bald zurück zu bringen.
Ich legte mich zurück ins Bett, doch schlafen konnte ich nicht mehr. Ich war aufgeregt.

In den vorangegangenen Tagen waren schon einige der Arbeiter, die an der Krankenstation arbeiten, vorbeigekommen, um sich von mir fotografieren zu lassen. Der anschließende Blick auf das Display der Kamera genügte ihnen, um glücklich nach Hause zu gehen. Ich frage mich, wie das Interesse wohl morgen, wie in einer Woche aussehen wird.
Das Interesse an der Fotografie ist riesig, die Magie, die von ihr ausgeht, habe ich völlig unterschätzt. Täglich kommen mehr Menschen zu mir, bald wird vermutlich das ganze Dorf bei mir zu Besuch sein. Das freut mich riesig, zeigt es mir doch, dass die Idee des Workshop bzw. des gesamten Projektes hier am richtigen Platz angekommen ist. Trotzdem ergibt sich hieraus ein Problem. Eigentlich war es vorgesehen, während des Workshops die jeweiligen Wochenergebnisse als Kontaktbögen auszudrucken und zu besprechen. Mittlerweile bin ich mir sicher: Wenn ich auch nur ein Bild ausdrucke, wird die Aufmerksamkeit und das Interesse aller Beteiligten ins Grenzenlose ansteigen. Es stellt sich heraus, dass es etwas immens wertvolles ist, ein eigenes Bild in den Händen zu halten. Die Menschen der umliegenden Dörfer würden mir sicher die Bude einrennen.
Da ich das zeitlich, inhaltlich und menschlich nicht sinnvoll bewerkstelligen kann, habe ich mich nun entschieden, zunächst einmal keine Fotos zu drucken. Es scheint mir sinnvoller, wenn am Ende die Schüler und die Dorfbewohner selbst entscheiden, welches Foto sie tatsächlich in den Händen halten möchten und dann wird gedruckt. Es macht keinen Sinn, hier alles für jeden ständig auszudrucken, den Überblick und den Fokus zu verlieren.

Alles ist in Bewegung. Jetzt habe ich das Konzept geändert und bin sehr gespannt auf die Fotos, die Rosine machen wird.

Text: Marie Köhler/ Chris Wawrzyniak