Interview mit Marie Köhler zum aktuellen Stand ihres Projektes

Beerdigungszeremoniell

Kannst Du in fünf Sätzen beschreiben, wie es Dir ergangen ist, seitdem Du in Burkina Faso bist?
Ich wurde bei meiner Ankunft sehr herzlich empfangen. Die Menschen hier vor Ort haben es mir wirklich einfach gemacht, mich schnell einzuleben.
Es war zunächst schon unfassbar aufregend, die Menschen hier, die Kultur, das Umfeld, alles war so anders im Vergleich zu dem, was ich bisher kannte. Nun stellt sich langsam der Alltag ein und ich kann mir momentan nicht vorstellen, irgendwo anders auf der Welt zu sein, als hier.
Mir ist es bisher also sehr gut ergangen, trotzdem machen mir 45 Grad Hitze im Schatten arg zu schaffen. Es dauert, bis man es verstanden hat, sich bei so einer Hitze auch nur auf irgendetwas zu konzentrieren.

Wie lebst Du dort im Dorf, wie sieht bislang Dein Alltag aus?
Ich lebe in einem der Wohnmodule, mit einem Arbeitszimmer und einem Schlafzimmer. Hier weht stets ein kleiner Wind durch das Gebäude, so lässt es sich ganz gut aushalten. Ein richtiger Alltag hat sich erst mit dem Beginn des Fotoworkshops eingestellt. Jeden Morgen um 10 Uhr gibt es für zwei Gruppen á 10 Kindern je einen einstündigen Workshop. Nach der Mittagspause fahre ich mit dem Motorroller ins Dorf Ziniaré, um die Filme entwickeln zu lassen und die fertigen Filme vom Vortag abzuholen. Anschließend scanne ich die Negative ein.
Abends koche ich für mich und die, die sonst noch gerade da sind. Das sind schöne Momente, wir sitzen dann zusammen, lassen den Tag Revue passieren und erzählen uns von unseren Erlebnissen hier in Burkina.
Donnerstags und Sonntags findet kein Unterricht statt. An diesen Tagen kann ich mich meinem eigenen Blick für das Land und die Kultur schärfen.

Gab es bislang Probleme?
Bis jetzt zum Glück nichts ernsthaftes. Mein Equipment für die Workshops hat drei Wochen lang im Zoll festgesteckt. Das war zunächst etwas ärgerlich, hat sich im Nachhinein allerdings eher als Geschenk herausgestellt; so konnte ich in den ersten Wochen hier viel unternehmen, ein wenig auf Reisen gehen und richtig eintauchen.

Was waren bisher die prägenden Erlebnisse?
Der beste Moment bisher war der, als ich das erste mal die Bilder gesehen habe, die von den Kindern gemacht wurden. Da war klar, dass es funktionieren würde. Es war einfach toll. Ich hatte versucht, meine Erwartungshaltung im Griff zu behalten, trotzdem hatte ich die heimliche Hoffnung, dass ein paar tolle Bilder entstehen würden. Die ersten Bilder haben mich dann aber wirklich umgehauen. Sie waren allesamt wunderbar komponiert, unglaublich detailreich und bilden sehr viele Situationen ab, zu denen ich oder vermutlich auch jeder andere professionelle Fotograf nicht oder nur sehr schwer Zugang erhalten hätte.
Aber noch ist alles im Werden, ich möchte eigentlich noch nicht zu viel zu den Bildern sagen. Es braucht seine Zeit und es wird gut. Da bin ich mir sicher.

Das zweite große Erlebnis war die Einladung zu einer traditionellen burkinischen Beerdigung. Sie fand bei einer der ältesten noch existierenden Ethnien Afrikas statt. Irgendwo im Nirgendwo. Es ist so, dass wenn hier ein Mensch stirbt, über ein halbes Jahr hinweg unterschiedliche Rituale abgehalten werden.
Wir durften bei dem Letzten der zahlreichen Rituale dabei sein; bei der Verabschiedung des Verstorbenen. Nie zuvor war eine Weißnase Zeuge dieses Rituals, noch nie durfte das gefilmt werden. Eine große Ehre, ein tolles Gefühl. Der Mann der uns eingeladen hatte, arbeitet im Mossi-Museum in Manega, unweit von Ouagadougou, das die Geschichte des Volkes der Mossi und der alten Westafrikanischen Ethnien beschreibt. Die Mossi stellen die größte Bevölkerungsgruppe hier in Burkina.
Das Museum wurde von einem in Burkina Faso sehr berühmten Anwalt, Frédéric Pacéré, gestiftet und errichtet. Er war auch einer der Anwälte, die im tansanischen Arusha das Tribunal zur Ahndung des Genozids an den Tutsi in Ruanda geführt hat.
So kam eines zum anderen und die Beiden haben uns gefragt, ob wir für das Museum und die Menschen hier eine Dokumentation über dieses Beerdigungsritual machen möchten. Wir wurden dann überaus freundlich empfangen, wir durften alles sehen, alle Fragen stellen und alles mitschneiden.
Nach über 30 Stunden und nur zwei Stunden Schlaf waren wir voll von Eindrücken, Informationen und kaum zu reflektierenden Erlebnissen. Ein großes Glück, dass wir das erleben durften.
Tags darauf wurden wir in das Dorf des Stammeshäuptlings geführt. Der 107-jährige Mann begrüßte uns herzlich. Er erklärte uns, wie in den Dörfern Entscheidungen getroffen werden. Hier gibt es keine Politik wie wir sie kennen, hier wird alles mittels Ritualen entschieden. Stirbt beispielsweise ein Mensch, gibt es ein Ritual, bei dem ein Huhn geopfert wird. Fällt das Huhn mit den Augen nach oben, bedeutet dies, dass der Mensch eines natürlichen Todes gestorben ist. Kippt das Huhn auf das Gesicht, so ist der Verstorbene ermordet worden. Daraufhin nimmt die Familie des Toten den Leichnam auf die Schultern um zu dem Schuldigen, dem Mörder geführt zu werden.
Die Opferung eines Huhnes und das damit verbundene Ritual nennt sich Wahrheitsfindung und wird vom Dorfhäuptling auch bei zahlreichen anderen Entscheidungen angewendet.

Soweit. Das alles ist nur ein kleiner Auszug dessen, was ich auf der Beerdigung erlebt habe. Es gab eine riesige Party und ich kann zum jetzigen Zeitpunkt nur sagen, dass ich vermutlich noch nie zuvor so friedliche, glückliche und zufriedene Menschen gesehen habe. Einen Toten gebührend zu verabschieden, ihn zu feiern, zu ehren, ihn in bunten Kleidern, tanzend, mit viel Musik noch ein Stück zu begleiten, findet sich in Deutschland so nicht. Schade.

Wie verständigst Du Dich?
Mit Händen und Füßen, einigen Worten Französisch und einigen Worten in Moré, der Stammessprache der Mossi.  Mit den Kindern fällt es mir besonders leicht, manchmal denken wir uns einfach eine Art Fantasiesprache aus. Gemischt mit unserer Körpersprache können wir uns sehr gut verständigen. Hinzu kommt, dass es so sehr viel Spaß macht.

Wie läuft der Workshop?
Der Workshop läuft sehr gut. Wir nehmen uns die Zeit, in Ruhe und ganz langsam in das Medium Fotografie einzutauchen. Kinder, die noch nie zuvor eine Kamera in der Hand gehalten haben, brauchen einfach viel Zeit und die nehmen wir uns hier auch.

Was ist da eigentlich tagsüber los im Operndorf? Nur Schule oder was passiert dort noch?
In der Mittagspause wird stets groß für alle gekocht und gemeinsam in der Mensa gegessen. Tagsüber kommen viele Besucher aus der ganzen Welt vorbei, um zu sehen, wie wir hier leben und arbeiten und wie das Operndorf sich entwickelt.
In den letzten Wochen haben wir meine Terrasse schön hergerichtet, einen Steingrill aufgebaut. Eine gute Errungenschaft; mittlerweile haben wir zwei große, sehr gemütliche und gesellige Grillabende veranstaltet. Nachmittags kommen oft auch die älteren Kinder, die hier nicht zu Schule gehen, bei mir vorbei, machen Fotos oder malen. Manchmal machen wir kleine Performances mit Musik und Tanz. Eigentlich ist hier immer irgendwas los.

Bist Du immer noch zuversichtlich, dass das Projekt Erfolg hat oder besser: denkst Du, dass das Ziel, einen künstlerischen Dialog zu initiieren, angesteuert wird?
Die Frage, ob dieses Projekt Erfolg hat oder nicht, habe ich mir nie gestellt. Wenn man mit Herzblut etwas gemeinsam mit Menschen macht, sich austauscht und motiviert zusammen etwas schafft, ist das ein Erfolg. Wie misst man sonst den Erfolg und vor allem wer misst ihn? Wir haben hier gemeinsam Erfolg bei den Dingen, die wir erschaffen und unternehmen. Wir tauschen uns aus, schaffen einen Dialog hier, arbeiten gemeinsam und ob dieser Dialog in Deutschland aufgegriffen wird und ob er dann weitergeführt wird, werden wir sehen. Man kann hier so unfassbar viel lernen. Meiner Meinung nach sind wir in Deutschland an vielen Stellen sehr an unsere Grenzen angekommen. Wenn wir bereit sind, unser Bild über Afrika über Burkina Faso zu ändern, kann sich auch viel bei uns ändern und der von uns heißgeliebte Erfolg bleibt dann sicher auch nicht aus!

Was hast Du bislang von Afrika gelernt?
Es ist nicht einfach, sich von langjährigen Prägungen loszulösen. Wir in Deutschland leben in sehr stark vorgegebenen Strukturen. Hier in Burkina läuft alles anders. In diesem Moment stehen elf Kinder um mich herum und schauen mir beim Schreiben zu. Es ist laut, heiß und stickig und doch einfach nur wunderbar. Zum jetzigen Zeitpunkt hier zu beschreiben was ich gelernt habe ist nicht möglich. Denn ich muss für mich zunächst einmal alles bündeln und meinen eigenen Standpunkt und meine Haltung finden und definieren und das gerade jeden Tag immer wieder neu.

Was hat sich für Dich bislang an Deiner Meinung, Deinem Bild verändert?
Mein Bild von Afrika hat sich natürlich verändert. Zu diesem Zeitpunkt ist mir einfach erst einmal sehr klar, das wir tatsächlich keine Ahnung von Afrika haben, von dem was hier passiert, was hier ist und wie es sich hier lebt. Warum das  alles so ist, versuche ich gerade herauszubekommen. Auch wenn hier vieles sehr anders ist, als ich es kenne, leben wir ja nicht in verschiedenen Welten. Es gibt nur diese eine Welt. Und wir müssen uns die Frage stellen, wie wir in dieser Welt leben wollen. Das ist vermutlich der erste Schritt, den wir gehen sollten. Wenn wir die Welt weiterhin aufteilen, werden wir uns immer ab- und ausgrenzen, wir werden nicht die Möglichkeiten haben, wirklich und echt bei anderen Menschen an den wirklich großartigen Dingen teilhaben zu können, so wie ich hier und jetzt in Burkina Faso.

Gibt es etwas, das Du gerne nach Deutschland übermitteln willst?
Einer der größten Wünsche der Burkinabe, mit denen ich gesprochen habe, ist es, dass wir anfangen sollten sie anders wahrzunehmen. Sie möchten nicht bloß als eines der ärmsten Länder der Welt betrachtet werden. Das reduziert all diese wunderbaren Menschen hier auf ihre Armut. Sie wünschen sich, dass nicht immer die Angst vor diesem Land und diesem Teil Afrikas geschürt wird, sondern von der Möglichkeit Gebrauch gemacht wird, sich ein eigenes Bild zu machen und zu verstehen, dass es hier wunderbare Sachen zu entdecken gibt. Hier gibt es ebenso einen Alltag wie bei uns, ein Du und ich, die selben Fragen nach der eigenen Identität und dem Sein wie bei uns auch.

Interview vom 05.03.2013
Das Interview führte Chris Wawrzyniak

Marie Köhler, Frederik Pacere, Till Gröner