Ein frischer Blick auf Afrika

ARTIKEL in WAZ vom 20.11.2012
http://www.derwesten.de/staedte/nachrichten-aus-herne-und-wanne-eickel/ein-frischer-blick-auf-afrika-id7313337.html


Die Fotografin Marie Köhler hat für ihren Fotoworkshop im „Operndorf“ im westafrikanischen Burkina Faso Kameras gesammelt.150 Kinder werden damit ausgestattet. Eine Unterstützung mit Sachmitteln und Spenden ist willkommen.
Foto: Ute Gabriel

Herne.   „Mach dir ein Bild“: Marie Köhler (31) leitet im nächsten Jahr einen Kinder-Fotoworkshop in Christoph Schlingensiefs „Operndorf“ in Burkina Faso.

Als Marie Köhler am 11. Oktober gegen 17 Uhr in Ouagadougou aus dem Flugzeug steigt, ist sie gut vorbereitet. „Ich hatte viele Reportagen über Burkina Faso gesehen, mich beim Auswärtigen Amt informiert und 350 Euro ausgegeben, um mich gegen alle vorstellbaren Krankheiten impfen zu lassen.“ Und doch begegnet Afrika der in Herne lebenden Fotografin und Künstlerin (31) in diesem Moment mit seiner ganzen Wucht. „Es war unfassbar heiß.“ Bloß nicht gleich kollabieren. „Ich bin dann ganz konzentriert die Stufen heruntergestiegen.“ Ziel ihrer ersten Reise im westafrikanische Burkina Faso, einem der ärmsten Länder der Welt, ist das „Operndorf Afrika“. Der Künstler Christoph Schlingensief hat dort ein weltenverbindendes Kunstprojekt zu realisieren begonnen, bevor er vor zwei Jahren starb. Genau dorthin ist Marie Köhler jetzt unterwegs, zusammen mit dem neuen Bauleiter des Dorfes.

Projektidee entstand vor zehn Jahren

Zehn Tage hat sie Zeit, um das Operndorf kennenzulernen, das 30 Kilometer östlich der Hauptstadt Ouagadougou als Ort der Kultur und der Bildung entsteht und in dem sie die ersten vier Monate des nächsten Jahres verbringen wird. Im April hatte das Berliner Festspielhaus-Büro des Operndorfes ihr Projekt „Mach dir ein Bild!“ angenommen, mit dem Marie Köhler zugleich ihr Masterstudium Fotografie in Dortmund abschließen will. Finanziell unterstützt wird sie von der Studienstiftung des deutschen Volkes. Die Idee zu dem Projekt keimt schon seit zehn Jahren: „Damals hatte ich eine Reportage über eine Fotografin gesehen, die in Indiens Armenvierteln ein Fotoprojekt mit Kindern gemacht hat. Da habe ich angefangen, Kameras zu sammeln.“ Mit den Fotoapparaten sollen sich die Kinder im Operndorf ihrer Umwelt fotografisch nähern, auf eine Art, die nicht von westlichen Sichtweisen geprägt ist.

Schulkinder finden ihre Themen

Die Fahrt zum Hotel führt am ersten Abend durch die Dunkelheit, „nirgendwo waren Lichter, nur kleine Feuer an der Straße“. Am nächsten Tag realisiert Marie Köhler: Häuser gibt es keine, stattdessen Wellblechhütten, keine Einkaufsstraßen, keine Banken. „Auf den ersten Blick herrschte für mich nur Chaos und unfassbare Armut“. Am Nachmittag des zweiten Tages kommt sie nach einer Dreiviertelstunde Fahrt im Operndorf an, mitten im Nirgendwo, in der Nähe von Zinairé. Ein Ort der Ruhe. Hier trifft Marie Köhler die Eltern ihrer künftigen Fotografie-Schüler. Aino Laberenz, Schlingensiefs Frau, die jetzt die Geschäfte führt, ist ebenfalls angereist, um die Eltern zu begrüßen. Maries Blick beginnt sich zu ändern.

Zwei Klassen mit je 50 Kindern werden in Zehnergruppen an einem Workshop teilnehmen. „Es wird jede Woche von jedem Kind ein Film entwickelt“, hat Marie Köhler geplant. Weitere Fotografen werden ihr im Dorf zur Seite stehen. Die Filmentwicklung übernehmen Labore. Dass sie nicht mit Digitalkameras arbeitet, liegt nicht nur am fehlenden Equipment: „Mit der digitalen Kamera lernen die Kinder zu ,knipsen’“, sagt die Fotografin. Die analogen Fotoapparate hielten dagegen mit jedem Film exakt 36 Möglichkeiten bereit: „Da konzentriert man sich anders.“ Zurückhalten will sich Marie Köhler bei der Vermittlung „westlicher Gestaltungsparameter“. Die Themen der Kinder stellt sie sich vor, sind Themen wie Natur, Familie, Freundschaft. Nur ihr subjektiver Blick darauf zählt. Eine Ausstellung im Operndorf wird das Projekt abschließen, gefolgt von Ausstellungen in Deutschland, das vom unverstellten Blick der Kinder noch lernen kann.

Eine Reihe von Künstlern unterstützt Marie Köhlers Fotoprojekt. Sie treten allesamt ohne Gage am Donnerstag, 6. Dezember, ab 20 Uhr bei einer Benefizveranstaltung in den Flottmann-Hallen auf. Vertreter des Festspielhauses Afrika berichten zusammen mit Marie Köhler über das Projekt und alles was im Operndorf passiert.

Dabei sind die Musik-Gruppe Mama Afrika, die populärste und größte deutsche Musik- und Tanzgruppe auf dem Sektor der traditionellen afrikanischen Musik. Außerdem kommen die bewährten „Sprechreiz-Poetry-Slammer“ Sebastian 23 und Torsten Sträter sowie die Schauspieler-Geschwister Beckmann, auch bekannt als die „Spielkinder“. Bboys & -girls aus dem Hause Pottporus bringen den Tanz der Straße auf die Bühne, und die drei Jockeys von Tour de Vinyl treten mit ihrer audio-visuellen Performance in die Pedale. Für bunte und bewegte Bilder sorgt der VJ „Videominister“.

Der Eintritt kostet 15 Euro, 12 Euro ermäßigt. Karten gibt es bei Stadtmarketing an der Kirchhofstraße 5, in der Flottmannkneipe, Flottmannstraße 94, im „Nils“, Freiligrathstraße 21, sowie bei Marie Köhler, 0152 – 33 74 65 08. Der Erlös des Abends fließt in die Entwicklung von Filmen in Afrika.

Geldspenden sind willkommen: Spendenkonto Festspielhaus Afrika, Stichwort: „fotoworkshop-operndorf“, Kto 11 28 578, BLZ 100 701 24, Deutsche Bank Berlin.
Mehr Infos auf der Homepage www.fotoworkshop-operndorf.de.

Ute Eickenbusch