Gespräch mit Marie Köhler zu Idee, Ansatz und Recherche

Afrika, Identität, Heilung, Hitze.
Marie Köhler, Fotografin und Künstlerin aus Herne, wird ab Mitte Januar 2013 für vier Monate nach Burkina Faso reisen. Dort, im Operndorf von Christoph Schlingensief, entwickelt sie mit 150 Kindern, die mittlerweile dort zur Schule gehen oder einfach aus den umliegenden Dörfern kommen, ein Gesamtwerk aus Fotografie, Experiment und Dialog. Dabei geht es nicht darum, ein künstlerisches Statement nach dem Begehr der westlichen Entwicklungshelfer abzufassen. Marie möchte der Idee von Christoph Schlingensief folgen und ‚von Afrika lernen’.

Was genau bewegt Dich dazu, nach Afrika zu fahren und mit den Kindern dort ein Projekt zu machen?
Vor ziemlich genau zehn Jahren habe ich die Reportage „Im Bordell geboren – Kinder im Rotlichtviertel von Kalkutta“ der Fotografin Zana Briski und des Dokumantarfilmers Ross Kauffman gesehen, die in Indiens Armenvierteln Kameras an Kinder verteilt haben. Die völlig überraschenden Ergebnisse haben mich so sehr berührt, dass ich mir vorgenommen habe etwas Vergleichbares zu machen. Seit dem sammele ich analoge Kameras.
Wir können uns nur durch den Spiegel des Gegenübers begreifen. Und Jugendliche haben eine reine und unverdorbene Sicht auf die Dinge. Daher möchte ich gemeinsam mit ihnen die Möglichkeit erarbeiten, ihr Umfeld so abzubilden, wie sie es wahrnehmen.

Wieso das Operndorf?
Während meines Studiums habe ich mich mit emotionalen Begrifflichkeiten und Identität beschäftigt. Dabei sind mir immer wieder die Arbeiten von Schlingensief und Beuys begegnet. Irgendwie schien mir das aber nie genau greifbar. Mit Schlingensiefs Arbeiten habe ich mich dann intensiver beschäftigt und schließlich seine „Kirche der Angst“ im Deutschen Pavillon auf der Biennale 2011 gesehen. Die Intensität dieses Erlebnisses wirkt bei mir bis heute nach. Niemals zuvor habe ich einen Menschen, der mir persönlich nicht bekannt ist, so ehrlich und aufrichtig über Themen wie Identität, Leben und Tod reden hören. Das hat mich verändert.

Du warst nun schon einmal zur Recherche im Operndorf? Wie wurdest du empfangen?
Mit Aufgeschlossenheit, Neugier und Vertrauen. Ich hatte viel Zeit, mich erst einmal an alles zu gewöhnen – an die Hitze, die vielen Begegnungen und diesen einzigartigen Ort.
Ich bin direkt am Flughafen vom administrativen Leiter des Operndorfs und seinem Assistenten sehr herzlich empfangen worden. In den Tagen, die ich im Operndorf verbracht habe, konnte ich eine große Ernsthaftigkeit und wahren Eifer kennenlernen – aber auch Freude und Spaß an dem Leben und Arbeiten dort. Es war eine andere Welt. Bei 40 Grad im Schatten würden Westeuropäer beim Arbeiten einfach umfallen.
Niemand ist mir mit Skepsis begegnet, mir wurde alles gezeigt und jeder vorgestellt. Es war schön, ein Teil des Ganzen zu sein. Diese Atmosphäre wahrzunehmen. Ich musste mich dort nicht beweisen, man vertraute mir einfach.

Was bedeutet das Operndorf für die Menschen in Burkina Faso
bzw. die Leute, die da mitmachen?
Diese Frage ist für mich als Außenstehende kaum zu beantworten. Ichpersönlich glaube, dass dort ein Ort wächst, an dem Dialoge entstehen. Wo Kinder die Möglichkeiten erhalten, sich mittels der Kunst ihnen wichtigen Themen zu nähern. Ich glaube, dass da eine Begegnungsstätte entsteht, an der Menschen gemeinsam Projekte
entwickeln können. Und wenn wir hier in Europa Glück haben, können wir ein wenig daran teilhaben. Wie sonst bekommen wir etwas mit aus Burkina Faso - aus dem Teil Afrikas, der in unserer öffentlichen Wahrnehmung so gut wie gar nicht stattfindet. Dabei können wir doch noch so viel von den Burkinabe lernen.


Interview & Text: Chris Wawrzyniak, Sascha Rutzen