REISEBERICHT - zur Recherche im Operndorf Afrika

Burkina Faso, Ouagadougou, Operndorf.
Die erste Recherchereise 11.Okt. bis 21.Okt.2012

Am 11.10.2012 steige ich gegen 17 Uhr in Ouagadougou aus dem Flugzeug.
Als die Tür sich öffnet, dampft mir eine Hitze entgegen, die vergleichbar
ist mit dem warmen Schwall, der Dir beim Öffnen einer Backofentür ins Gesicht bläst.
Konzentriert steige ich die Stufen hinunter, bis zum Bus – nur darauf bedacht, nicht gleich einen Hitzekollaps zu bekommen und peinlich die Stufen herunterzufallen.
Orientierungslos im Innern, selbstbewusst nach außen; so komme ich in
der Hauptstadt von Burkina Faso an.

Joachim, der neue Bauleiter des Operndorfes, ist mit mir gereist. Alsbald werden wir gemeinsam sehr herzlich von Motandi Ouoba, dem administrativen Leiter des Operndorfes und seinem Assistenten Severin Sobogo empfangen. Die Sonne ist mittlerweile untergegangen, unser Fahrer Henry bringt uns zunächst zum Hotel.
Die Fahrt dauert nicht lange – es geht durch die Innenstadt von Ouagadougou und ich wundere mich über die Dunkelheit in der Stadt. Ein wirklich reges Treiben umgibt mich, doch ich sehe keine Häuser, in denen Lichter brennen. Überall brennen dafür kleine Feuer am Straßenrand, auf denen gekocht wird.

Am nächsten Morgen fahren wir mit Henry durch die Innenstadt, um uns Karten für unsere Handys zu besorgen. Ich habe mich sorgfältig auf diese Reise vorbereitet, habe brav alle erdenklichen Reportagen über Burkina Faso angeschaut, mich beim Auswärtigen Amt informiert, 350 Euro ausgegeben um mich gegen alle vorstellbaren Krankheiten zu impfen und schmiere mich fast schon meditativ mit Mückenspray ein.
Doch diese Welt hier erkenne ich nicht. Hier bin ich falsch, hier gehöre ich nicht hin. Panik überkommt mich. Wo sind meine Desinfektionstücher? Und warum hat das Auto keine Klimaanlage? Es ist heiß und staubig – ich verliere die Übersicht.

Auf den ersten Blick herrscht für mich hier einfach nur endloses Chaos und unfassbare Armut. Hier gibt es kaum Häuser aus Stein, keine Shoppingmeilen, kein H&M, kein McDonalds, keine riesigen Banken, die in den Himmel ragen. Hier findet das ganze Leben auf der Straße statt.
Unfassbar viele Menschen versuchen Dinge zu verkaufen. Bananen, Handykarten, Kleidung, Töpfe… Das alles am Rande der Straße oder aus kleinen Wellblechhütten heraus. Die Menschen hier tragen bei den mich zermürbenden 43 Grad Hitze unglaubliche Lasten. Was für ein Wahnsinn!

Mir fällt ein Satz meiner Ärztin ein: „Ja ja, die Afrikaner - da war ich früher
auch mal. Sie werden dort erleben, wie unglaublich faul die sind. Da kann man nichts machen, die liegen den ganzen Tag im Schatten“ Ich muss schlucken. Wut erfüllt mich, beinahe Ekel. Ich schäme mich für meine Ärztin und vertiefe mich eine Weile in meinem Ärger über ihren anmaßenden, dummen Ausbruch.
Nachmittags fahren wir dann etwa eine dreiviertel Stunde in die Nähe von Zinaire, wo das Operndorf liegt. Wir werden sehr herzlich empfangen.
Mit meinen hart erkämpften drei Worten Französisch, etwas Englisch und gelenkiger Körpersprache tausche ich mich mit den Mitarbeitern und Lehren im Operndorf aus. Niemand ist verkrampft im Umgang, alle haben sehr gute Laune, es wird ständig gelacht.

Diese Offenheit beruhigt mich, ich entspanne mich endlich und schaue mir das Operndorf genauer an. Ein wirklich schöner Ort. Er übt auf mich eine besondere Wirkung aus, hat etwas Starkes, Reines, etwas Vollkommenes, beinahe Heiliges. Mit der neugewonnenen inneren Ruhe und einer Verabredung für einen Filmabend am nächsten Tag im Operndorf fahren wir zurück ins Hotel nach Ouagadougou.

Mein Blick ändert sich. Ich sehe die Menschen in ihren Hütten, sehe Familien die zusammen auf einem Feuer kochen. Freudige Menschen, die gesellig beieinander sitzen. Alltag - aber nicht mein Alltag, nicht eine Welt wie ich sie kenne. In welcher Art Welt wir leben, weiß ich nicht mehr, aber ich weiß, dass wir alle letztlich auf der selben Welt zu hause sind. Ich bin nicht hier hergekommen, um etwas Gutes zu tun. Diesen Anspruch
hatte ich nie. Dann müsste auch erst einmal geklärt werden, was es genau bedeutet, hier Gutes zu tun.

Fakt ist, dass unsere westliche Welt dieses Land hier einfach ausbluten lässt. Ich bin nicht dafür gemacht, hier jetzt Politik zu betreiben und zu sagen, wer hier in Burkina Faso für diese Lebensbedingungen nun Verantwortung übernehmen muss. Ich bin hier, um mit den Menschen gemeinsam etwas Künstlerisches zu entwickeln. Um Fragen nach
unserer eigenen Identität nachzugehen: wer sind wir, was machen wir hier auf dieser Welt, und was werden wir hinterlassen? Den Blick nur auf eine Lebensweise gerichtet, werde ich diese Frage nie beantworten können.

Ich möchte eine Brücke schaffen, zwischen diesen so unterschiedlichen Lebensweisen, eine Brücke zwischen Deutschland und Burkina Faso, eine Brücke durch die Sprache der Fotografie. Eine Brücke, die von Afrika aus nach Deutschland gebaut wird. Von den Burkinabe. Und ich darf mitmachen. Das fühlt sich jetzt noch viel besser an, wo ich hier bin, das alles sehe und erlebe. Wo alle hier nett, aufgeschlossen und so ausdrucksstark
sind.

Wir kennen die Bilder mit Wasserbauchkindern, die Bilder mit Kindern, die auf den Müllhalden arbeiten, kennen Bilder von Armut, Hitze, Staub und Tod. Oder die herrlich malerischen Safari-Bilder mit Elefanten am Wasserloch, majestätischen Löwen, grazilen Giraffen. Ich glaube, dass wir so was von keine Ahnung von Afrika haben. Wir wissen nichts. Wir stützen alles, was wir glauben und meinen auf die eigentlich ausschließlich
polemisierenden und vielleicht auch manipulativen Bilder, die uns hier über Afrika begegnen. Ich brauche die andere Perspektive. Ich will von Afrika lernen, langsam verstehe ich genau, was das meint. Ich kann es kaum erwarten, hier für vier Monate inmitten der Menschen zu leben und mir meine Tanks mit dem echten Leben dort aufzufüllen. Ich freue mich so auf die Zeit in Afrika, mit den Burkinabe, all den Kindern und den ganzen Kameras.


Text: Marie Köhler, Chris Wawrzyniak