Foto: Marie Köhler

Meine Reise nach Burkina Faso 2013

28.02.2013 Ankunft im Operndorf, 45 Grad im Schatten, ein Ort, der fast schon etwas Heiliges hat. Staub, roter Sand und Menschen, die mich sehr herzlich empfangen haben.
Die Reise nach Burkina Faso liegt hinter mir und doch bin ich noch nicht wieder richtig zurück.

Ich lebte in einem der Wohnmodule im Operndorf, mit einem Arbeitszimmer und einem Schlafzimmer. Durch die besondere Konstruktion des Gebäudes wehte stets ein kleiner Wind durch die Räume. So ließ es sich trotz der unfassbaren Hitze gut aushalten.

In den ersten zwei Wochen gewöhnte ich mich ein, wartete auf die Workshopmaterialen aus dem Zoll und lernte Land und Leute kennen. Mit dem Beginn des Workshops stellte sich schnell ein Alltag ein. Jeden Morgen um 10 Uhr gab es für zwei Gruppen á 10 Kinder je einen einstündigen Workshop. Nach der Mittagspause fuhr ich mit dem Motorroller ins Dorf Ziniaré, um die Filme entwickeln zu lassen und die fertigen Filme vom Vortag abzuholen. Anschließend scannte ich die Negative ein. Nachmittags gab es wieder zwei Workshopeinheiten und am frühen Abend zudem eine freie Gruppe, in der die Kinder aus den umliegenden Dörfern ebenfalls an einem Fotografieworkshop teilnehmen konnten.

In den ersten Wochen haben wir uns gemeinsam erst einmal mit dem Fotoapparat vertraut gemacht und ich habe angefangen, die Stammessprache More’ zu lernen, um mich verständigen zu können.
Für die Kinder war der Fotoapparat zuerst eine Art Zaubermaschine.
Kinder, die noch nie eine Kamera in der Hand gehalten haben, müssen natürlich zunächst lernen, was das denn ist und wie man die Kamera hält und wo guckt man eigentlich durch und wo drückt man ab? Und das haben wir ganz in Ruhe drei Wochen gemacht, um uns erst einmal wirklich uns mit dem Apparat vertraut zu machen.
Anschließend sind die Kinder losgezogen, haben jede Woche einen Film bekommen, ihre eigenen Bilder gemacht und haben dann jede Woche auch die eigenen Ergebnisse gesehen.

Mein eigener Schwerpunkt im Workshop lag darauf, den Kindern nichts über westliche Bild- und Gestaltungsparameter zu erzählen. Nichts über den goldenen Schnitt, über Sehgewohnheiten, Farben, oder Licht. Frei von diesen Parametern sollten die Kinder sich auf die Suche begeben, ihre eigene Sprachform zu finden.

Donnerstags und Sonntags fand kein Unterricht statt. An diesen Tagen habe ich kleine Ausflüge gemacht, um das Land und die Menschen besser kennenzulernen, oder um im Operndorf ein Extraprogramm mit den Kindern zu veranstalten. Wir haben gemalt, getanzt und Hiphopvideos gedreht, oder uns einfach über all die Dinge die wir spannend fanden, unterhalten.

Einer der eindrucksvollsten Momente, an den ich mich erinnere, war der, als ich das erste Mal die Bilder der Kinder eingescannt habe. Da war für mich klar, dass es funktionieren würde. Alles ging auf. Ich hatte versucht, meine Erwartungshaltung im Griff zu behalten, trotzdem hatte ich die heimliche Hoffnung, dass ein paar tolle Bilder entstehen würden. Die ersten Bilder haben mich dann wirklich umgehauen. Sie waren allesamt wunderbar komponiert, unglaublich detailreich und bilden sehr viele Situationen ab, zu denen ich oder vermutlich auch jeder andere professionelle Fotograf nicht oder nur sehr schwer Zugang erhalten hätte.

Foto: Eric Ouedrago

Das zweite große Erlebnis war die Einladung zu einer traditionellen burkinischen Beerdigung. Sie fand bei einer der ältesten noch existierenden Ethnien Afrikas statt. Irgendwo im Nirgendwo.

Wir durften bei dem Letzten der zahlreichen Rituale dabei sein; bei der Verabschiedung des Verstorbenen.
Eine große Ehre, ein tolles Gefühl. Der Mann der uns eingeladen hatte, arbeitet im Mossi-Museum in Manega, unweit von Ouagadougou, das die Geschichte des Volkes der Mossi und der alten Westafrikanischen Ethnien beschreibt. Die Mossi stellen die größte Bevölkerungsgruppe in Burkina dar.

Foto: Marie Köhler

Das Museum wurde von einem in Burkina Faso sehr berühmten Anwalt, Frédéric Pacéré Tetenga, gestiftet und errichtet. Er war auch einer der Anwälte, die im tansanischen Arusha das Tribunal zur Ahndung des Genozids an den Tutsi in Ruanda geführt hat.
So kam eines zum anderen und die beiden haben uns gefragt, ob wir für das Museum und die Menschen hier eine Dokumentation über dieses Beerdigungsritual machen möchten. Wir wurden dann überaus freundlich empfangen, wir durften alles sehen, alle Fragen stellen und alles mitschneiden. Was ein Geschenk!
Nach über 30 Stunden und nur zwei Stunden Schlaf waren wir voll von Eindrücken, Informationen und kaum zu reflektierenden Erlebnissen. Ein großes Glück, dass wir das erleben durften.
Tags darauf wurden wir in das Dorf des Stammeshäuptlings geführt. Der 107-jährige Mann begrüßte uns herzlich. Er erklärte uns, wie in den Dörfern Entscheidungen getroffen werden. Hier gibt es keine Politik wie wir sie kennen, hier wird alles mittels Ritualen entschieden. Stirbt beispielsweise ein Mensch, gibt es ein Ritual, bei dem ein Huhn geopfert wird. Fällt das Huhn mit den Augen nach oben, bedeutet dies, dass der Mensch eines natürlichen Todes gestorben ist. Kippt das Huhn auf das Gesicht, so ist der Verstorbene ermordet worden. Daraufhin nimmt die Familie des Toten den Leichnam auf die Schultern um zu dem Schuldigen, dem Mörder geführt zu werden.

Die Opferung eines Huhnes und das damit verbundene Ritual nennt sich „Wahrheitsfindung“ und wird vom Dorfhäuptling auch bei zahlreichen anderen Entscheidungen angewendet.
Soweit. Das alles ist nur ein kleiner Auszug dessen, was ich auf der Beerdigung erlebt habe. Es gab eine riesige Party und ich kann zum jetzigen Zeitpunkt nur sagen, dass ich vermutlich noch nie zuvor so friedliche, glückliche und zufriedene Menschen gesehen habe. Einen Toten gebührend zu verabschieden, ihn zu feiern, zu ehren, ihn in bunten Kleidern, tanzend, mit viel Musik noch ein Stück zu begleiten, hat mich sehr beeindruckt.

Abschließend kann ich sagen, dass sich mein Bild natürlich verändert hat. Meine Haltung hat sich weiterentwickelt und ich sehe viele Dinge anders.
Auch wenn in Burkina Faso vieles sehr anders ist als ich es kenne, leben wir ja nicht in verschiedenen Welten. Es gibt nur diese eine Welt. Und wir müssen uns die Frage stellen, wie wir in dieser Welt leben wollen. Das ist vermutlich der erste Schritt, den wir gehen sollten.

Foto: Marie Köhler

Wenn wir die Welt weiterhin aufteilen, werden wir uns immer ab- und ausgrenzen, wir werden nicht die Möglichkeiten haben, wirklich und echt bei anderen Menschen an den wirklich großartigen Dingen teilhaben zu können, so wie ich es in meiner Zeit in Burkina Faso erlebt habe.

Einer der größten Wünsche der Burkinabe, mit denen ich gesprochen habe, ist es, dass wir anfangen sollten sie anders wahrzunehmen. Sie möchten nicht bloß als eines der ärmsten Länder der Welt betrachtet werden. Das reduziert all diese wunderbaren Menschen hier auf ihre Armut. Sie wünschen sich, dass nicht immer die Angst vor diesem Land und diesem Teil Afrikas geschürt wird, sondern von der Möglichkeit Gebrauch gemacht wird, sich ein eigenes Bild zu machen und zu verstehen, dass es hier wunderbare Sachen zu entdecken gibt. Hier gibt es ebenso einen Alltag wie bei uns, ein Du und ich, die selben Fragen nach der eigenen Identität und dem Sein, wie bei uns auch.

Marie Köhler, Dezember 2013